Hypotopia – (Noch) ein paar Gedanken

„Hypotopia ist ein in Beton gegossener Protest, ein gesellschaftskritischer Denkanstoß und ein Gedankenmodell für alle. 19 Tage stand die Milliardenstadt Hypotopia nun im öffentlichen Raum, um begreifbar zu machen, was 19 Milliarden Euro wirklich wert sind. Und was es bedeutet, eine solche Summe zu verlieren.“

Eine Menge ist geschrieben und berichtet worden über die Initiative der TU-Studierenden. Über die Hybris der Regierenden, die verlorenen Chancen durch den Verlust der 19 im Moloch Hypo Alpe Adria versenkten Milliarden, Budgetlöcher, Bildungsmisere, Pflegenotstand, fehlende Kinderbetreuungsplätze…

Der deutsche Maler Max Liebermann (1847-1935) hätte vielleicht sein berühmtes Bonmot bemüht, wonach man bisweilen gar nicht so viel fressen könne, wie man kotzen möchte. Klar, auch wir haben uns ziemlich aufgeregt über das ganze Desaster, die Verschwendung, Bereicherung, Dreistigkeit etc.

Gefühlt – keine Ahnung, ob das wirklich so stimmt – aber eben gefühlt lag der Schwerpunkt der Berichterstattung zu Hypotopia weniger auf Hypotopia selbst, sondern eher auf dem reason why, eben jener Versenkung von Steuermilliarden, die  – ob nun systemisch gerechtfertigt oder nicht – die Projektmitglieder veranlasst haben, Hypotopia auf die Beine zu stellen.

hypotopia_übersicht

Und das ist auch gut so. Das war die Intention der EntwicklerInnen: Bewusstsein schaffen, die Dimensionen aufzeigen, ein Statement setzen.

Das ist gelungen. Congrats!

Eine Facette ist es dennoch wert nochmal kommentiert zu werden.

Was das Team um Projektinitiator Lukas Zeilbauer (btw. thx für die coole Führung und die interessanten Hintergrundinfos!) da in ein paar Monaten from the scratch auf die Beine gestellt hat, ist schon ziemlich bemerkenswert. Und jede/r mit Erfahrung in Projektarbeit kann da nur den Hut ziehen.

Hypotopia war nämlich nicht bloß ein kreativer, buchstäblich tonnenschwerer Anflug von Aktionismus und Protestkultur. Hypotopia war vielmehr ein extrem ausgefeiltes Modell innovativer Stadtplanung und zukunftsträchtiger Konzepte in den Bereichen Ökologie, Energie, Mobilität, soziales Miteinander u.s.w u.s.f. – maßstabsgetreu, umfangreich durchkalkuliert und tatsächlich theoretisch so umsetzbar – hätte man denn 19 Milliarden dafür zur Hand.

Nimmt man Wissenschaft und deren Kernfunktion ernst, wird man kaum die Notwendigkeit interdisziplinärer Denk- und Herangehensweisen bezweifeln. Wer Universitäten kennt, wird wiederum vermutlich zustimmen, dass es an diesen Horten des Wissens gerne ein bisschen mehr an Interdisziplinarität (hab mich grad ca. 7mal bei dem Wort vertippt) geben dürfte.

hypotopia_figuren

Was diese Studierenden der TU Wien gemacht haben, war über den politischen Kontext hinaus ein Meisterstück an interdisziplinärer Planung, Kalkulation, Vernetzung und Umsetzung. Der Bauingenieur mit der Architektin, der IT-Mann mit der Raumplanerin und alle gemeinsam eigeninitiativ für’s große Ganze. Klingt pathetisch, ist aber trotzdem ziemlich super!

Hypotopia war ein Statement, es war Protest und zivilgesellschaftliches Aufbegehren. Hypotopia war aber auch ein Vorbild junger, dynamischer, wissenschaftlicher Kooperation, ein Zusammenstecken kluger Köpfe mit dem Ziel möglichst weitreichender akademischer Akkuratesse.

Und auch dafür gebührt Anerkennung.

Dass dies vonseiten der Unileitung (gem. unseren Informationen) nicht nur nicht ausreichend sondern vielmehr gar nicht passiert ist, dass sich abgesehen von HBP Heinz Fischer sowie VertreterInnen der Grünen und der NEOS kein maßgeblicher politischer Akteur bemüßigt gefühlt hat, wenigstens (öffentlich sichtbar) vorbeizuschauen ist ebenso vielsagend wie bedauerlich.

Aber wie sagte bereits der französische Philosoph und Schriftsteller Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715- 47):

„Wer stets mit seinem Lob geizt, zeigt damit seine eigene Mittelmäßigkeit.“

Thomas_Murauer

Dieser Beitrag wurde verfasst von Thomas Murauer (Concepter / Author / Project Manager)