What makes it engaging? Design- und Experience-Elemente von interaktiven Lernvideos

Die Website ab-gelenkt.at ist ein – wie wir finden – gelungener Versuch Lern-, oder in diesem Fall wohl besser bewusstseinsbildende Inhalte zu kommunizieren. Es ist aus multimedialer Sicht ein gutes Beispiel für User Experience Design von interaktiven Lernvideos.

Warum wir das finden? Nur, weil wir selbst die Seite entworfen und umgesetzt haben? Ja auch, aber vor allem deshalb, weil die Seite es schafft ein paar grundlegende Aspekte erfolgreicher User Experience-Faktoren von Lernvideos und virtueller Welten, wie wir sie aus Computerspielen kennen, zu kombinieren.

Aber zu allererst, um was geht’s? Also. Die Seite www.ab-gelenkt.at verwickelt Besucher in eine Geschichte, die aus mehreren Erzählsträngen besteht. Es geht um Rebecca und Kurt. Die beiden sind ein Pärchen und verabreden sich in ihrem Lieblingscafé. Als SeitenbesucherIn entscheiden Sie, ob Sie die Geschichte aus Sicht von Rebecca oder Kurt erleben wollen, ob die beiden zu Fuß gehen, mit dem Auto oder mit dem Rad dorthin fahren. Auf diese interaktive Art entwickelt sich die Geschichte. Da, das Telefon läutet! Den Anruf am Rad sitzend annehmen, oder später zurückrufen? Wieder entscheiden Sie, welche Entscheidungen die Protagonisten treffen. „Nein nicht jetzt“ – lehnt man den Anruf ab… bemerkt man noch rechtzeitig das Auto, das gerade um die Ecke biegt. Eben. Nicht abgelenkt gewesen. Natürlich wird schnell deutlich, je öfter man sich Ablenkungen im Straßenverkehr hingibt, desto eher übersieht und überhört man potentielle Gefahren. Die Message ist klar und einfach. Und das Ende der Geschichte? Dafür müssen Sie sich selbst reinklicken.

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Aber jetzt zu den Argumenten. Warum sollte das ein gutes User Experience Design für interaktive Lernvideos sein.

Kürze. Die Geschichte – soviel sei verraten – ist in weniger als drei Minuten durchgespielt. Studien (siehe unten anbei) haben gezeigt, dass Lernvideos, die zwischen 1 und 3 Minuten dauern als ‚more engaging’ wahrgenommen werden. Diesen Faktor wollten wir berücksichtigen, vor allem, weil sich viel ‚Laufkundschaft’ aus dem Netz auf der Seite einfindet. SeitenbesucherInnen, die wir nicht mit überlangen sondern mit einer prägnanten interaktiven Geschichte binden wollen.

Gesichter und Charaktere: Studien haben ebenfalls gezeigt, dass Lernvideos, die Gesichter zeigen und Inhalte mit Hilfe von realen Charakteren präsentieren, ebenfalls als gewinnender und einnehmender empfunden werden als solche ohne. Die Lerninhalte aus der Sicht von Kurt und Rebecca zu vermitteln sorgt für diese positive Auswirkung. Auf diese Weise wird aus einem anonymen Inhalt ein persönlicher, und der erste Schritt zur Empathie, also zum emotionalen Einfühlen, ist schon gemacht.

You should tutor rather than lecture: Online-Videos, zum Beispiel MOOCs, werden als ‚engaging’ empfunden, wenn sie wenig Elemente von klassischen Vorträgen aufweisen. Tutorials hingegen sind ein beliebtes Format im Netz, wahrscheinlich, weil sie relativ schnell ein methodisches Repertoire vermitteln – ohne dass man sich langwierig mit einem Thema auseinandersetzen muss. Diese Ad-hoc-Vermittlung von Methoden ohne sich tiefer mit einer Materie auseinanderzusetzen ist zwar nicht für alle Lerninhalte geeignet, für www.ab-gelenkt.at erwies sich das Do’s and Don’ts Format jedoch als sehr passend um Handlungsempfehlungen schnell und unmissverständlich zu vermitteln.

Zeigen einer realistischen Umgebung: Das Wort Immersion beschreibt, wie tief jemand in eine Computerumgebung ‚eintauchen’ und sich darin wiederfinden bzw. verlieren kann. Forschung zeigt: Je realistischer die Welt, desto höher der – etwas kryptisch klingende – Immersionswert. Mit www.ab-gelenkt.at haben wir uns an diesem Mittel orientiert. Die Egoperspektive, die man heutzutage gut aus Computerspielen kennt, schafft es diesen Bezug zur Realität herzustellen. Klar, mit ein paar Webvideos in „First-Person-View“ ist noch keine reale Umwelt vorgetäuscht. Aber dieser Ansatz bringt zumindest einen Hauch Straßenverkehr auf den Bildschirm – mehr als andere Formate dies schaffen können, reine Bild- und Textwebseiten zum Beispiel.

Zeigen einer unrealistischen Situation. Studien zeigen ebenfalls, dass der Immersionswert einer virtuellen Umgebung auch dann hoch ist, wenn in der virtuellen Welt Situationen nachgestellt werden, die in der Realität nicht möglich wären, oder wenn man zumindest Situationen darstellt, in die man sich ‚in echt’ nicht begeben möchte, oder kann. Und auch das ist ein Qualitätsmerkmal von virtuellen Lernumgebungen, dessen wir uns auf www.ab-gelenkt.at bedient haben. Besucht man die Website, erlebt man Situation aus Sicht von Kurt und Rebecca, die Sie als SeitenbesucherIn – das hoffen wir – in der Realität nicht erleben werden. Welche Situationen das sind? Nun, schauen Sie rein und klicken Sie sich durch die Geschichte.

Interaktive Videos sind mehr als eine Spielerei. Sie tragen aufgrund spezifischer Design- und Experience-Elemente wesentlich zum Lernerfolg bei. Wir sind stolz auf dieses spannende Projekt, das wir im Auftrag des KFV, des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit realisiert haben. Wir freuen uns umso mehr, dass www.ab-gelenkt.at am 12.02.2016 mit dem German Design Award ausgezeichnet wurde.

 

Dieser Beitrag wurde verfasst von Michael Leitner (Head of Research, Interaction Design, UI/UX)

 

Quellenangabe:

Virtual Reality: How Much Immersion Is Enough? Doug A. Bowman and Ryan P. McMahan, Virginia Tech; IEEE Journal „Computer Society“, July 2007

Guo, P.J., Kim, J., & Rubin, R. “How video production affects student engagement: an empirical study of MOOC videos,” Proceedings of the first ACM conference on Learning @ scale conference, 2014.